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3 Minuten Lesezeit (651 Wörter)

"Die Vergänglichkeit" von Johann Peter Hebel (Eine Schwarzwald-Apokalypse)

Wald am Belchen

Am 22. September 2026 jährt sich der Todestag Johann Peter Hebels zum 200. Mal. Johann Peter Hebel (1760–1826) war weit mehr als nur ein alemannischer Mundartdichter; er gilt als wegweisender Literat, Theologe, Pädagoge, Moralist und Aufklärer, dessen Wirken manchmal visionäre Züge trug. Durch seine Kalendergeschichten und Gedichte schuf er eine volksnahe Literatur, die bis heute nachwirkt. Er war auch Wegbereiter der modernen Kurzgeschichte. Als Schulvisitator und Direktor des Karlsruher Gymnasiums setzte sich Hebel für Bildung und die Weiterentwicklung des Schulwesens ein. Er wollte Wissen für das einfache Volk zugänglich und verständlich machen. Franz Kafka, Elias Canetti, Walter Benjamin und Ernst Bloch lobten seine Werke.
Aufgrund seines Gedichtbands "Alemannische Gedichte" gilt er gemeinhin als Pionier der alemannischen Mundartliteratur. Heute ist er auch ein wenig ein "Säulenheiliger" des alemannischen Dialekts. Gerade die "Säulenheiligen" müssen ab und zu vom Denkmal geholt und ein wenig entstaubt werden, auch um die Aktualität von Dialekt zu zeigen und um Diskussionen anzustoßen. 

"Die Vergänglichkeit"

Hebels Gedicht „Die Vergänglichkeit" kann im 200. Todesjahr Hebels durchaus neu gelesen werden. Wenn heute der Schwarzwald von den Folgen des konzern- und menschengemachten Klimawandels geprägt ist – von Hitze, Dürre, Trockenheit und Waldsterben –, dann wirkt das Bild der verbrannten Welt im Gedicht unmittelbar gegenwärtig.
Besonders das eindringliche Bild „Lueg, dört isch d'Erde gsi, und selle Berg het Belche gheiße!" entfaltet gerade im Hitzesommer 2026 eine starke emotionaleWirkung.
Aus dieser Perspektive lassen sich einzelne Textfragmente alserstaunlich „visionär" empfinden: als dunkler, teilweise schwerzugänglicher, aber eindringlicher Text, der uns dazu bringt, über die Verletzlichkeit der Welt nachzudenken. Literatur darf und soll in neue Gegenwarten hineinsprechen.
Selbstverständlich konnte Hebel 1803 weder den konzern- undmenschengemachten Klimawandel noch moderne Umweltkrisen kennen. Ihm, dem Theologen und Pädagogen, ging es nicht um ökologische Prognosen, sondern um einegrundlegende existenzielle Erfahrung: die Unausweichlichkeit derVergänglichkeit.
Menschen, Tiere, Häuser, Dörfer und selbst ganze Städte sind in seinem Verständnis nicht dauerhaft. Das Gedicht entfaltet dieseEinsicht in einer Steigerung: von der persönlichenVergänglichkeit über das Dorf bis hin zur ganzen Welt. Der Dialog zwischen Vater und Sohn macht diese Erfahrung anschaulich und lebensnah. Er führt nicht zu einer politischen odermoralischen Handlungsanweisung, sondern zu einer existenziellen Einsicht.
Auch die Katastrophenszenen sind in ihrem historischen Kontextzu verstehen. Hebel denkt in Bildern, die stark von biblischen und frühneuzeitlichen Vorstellungen geprägt sind: Feuer, Erdbeben, kosmische Erschütterung. Hebels Leben (1760–1826) wargeprägt von den Nachwirkungen des Siebenjährigen Kriegs, denRevolutions- und Napoleonischen Kriegen sowie Hunger- undKrisenjahren. Dazu kamen Naturkatastrophen wie das Erdbeben von Lissabon 1755 und extreme Witterungs- und Missernteperioden,insbesondere die Hungerjahre um 1770/71.
Eine heutige Lesart kann das Gedicht als Spiegel aktueller Krisen verstehen. Hebel hat aber keine ökologische Botschaft oder einen politischen Auftrag. Es geht ihm um das Verhältnis des Menschen zur Zeit, zur Endlichkeit und zur Welt. Seine Reflexion ist heute, im Zeitalter der Apokalypse-Blindheit ähnlich wichtig wie im Jahr 1803.

Der Belche stoht verchohlt,
der Blauen au, äs wie zwee alti Thürn,
und zwische drinn isch alles use brennt,
bis tief in Boden abe. D'Wiese het
ke Wasser meh, 's isch alles öd und schwarz,
und todtestill, so wit me luegt – das siehsch,
und seisch di'm Cammerad, wo mitder goht:
„Lueg, dört isch d'Erde gsi, und selle Berg
„het Belche gheiße!

Quelle: J. P. Hebels sämmtliche Werke, Band 1, Ausgabe letzter Hand) [1] - Alemannische Wikipedia

Schriftdeutsch:
Der Belchen steht verkohlt,
der Blauen auch, ganz wie zwei alte Türme,
und zwischendrin ist alles ausgebrannt,
bis tief in den Boden hinein.
Die Wiese hat kein Wasser mehr,
es ist alles öde und schwarz
und totenstill, so weit man schaut
und du sagst deinem Kameraden, der mit dir geht:
"Schau, dort ist die Erde gewesen, und dieser Berg hat Belchen geheißen! " 

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