Die letzten Jahre mit meiner Mutter. (von Elsa Koch)
Leseprobe
Unsere Mutter lebte nach dem Tod ihres Mannes, unseres Vaters, allein in ihrer Wohnung. Sie konnte sich noch lange selbst versorgen. Einkäufe und Termine übernahmen mein Bruder und ich.
In ihrer Wohnung bewegte sie sich mit dem Rollator. Zusätzlich hatte sie einen Notrufknopf. Immer mal wieder bekam ich vom Notrufdienst einen Anruf: „Ihre Mutter liegt am Boden." Alleine konnte sie nicht mehr aufstehen, sie brauchte Hilfe, also eilte ich hin, ich wohnte zum Glück ganz nah.
„Warum fällst du so oft? Benutzt du den Rollator nicht?", fragte ich sie.
„Doch", sagte sie.
Sie schwindelte mich an, das spürte ich, außerdem sah ich immer einen Kehrbesen in ihrer Nähe stehen. „Was macht dann ein Besen hier? Den brauchst du doch nicht." „Doch, den benutze ich als Laufstock. Damit komme ich besser zurecht als mit einem Gehstock. Da kann ich mich gut stützen."
„Das glaubst du ja selber nicht. Es könnte irgendwo ein Staubkörnchen liegen, das dich stört. Da nützt dir natürlich der Gehstock nichts.
Da grinste sie und schaute weg.
Sie hatte einen Fußboden, auf dem man fast nichts sah. Das fand sie nicht gut, weil man ja dann auch den Dreck nicht sieht. Also musste man ihn halt suchen. Erst wenn ein kleines Häufchen zusammengefegt ist, fällt es auf.
Kein Tag verging, an dem wir nicht Kontakt hatten, wenn auch nur kurz. Oft telefonierten wir, doch meistens ging ich einfach vorbei, um nach ihr zu schauen. Irgendetwas Wichtiges gab es immer zu besprechen oder zu erledigen. Damit sie ja nichts vergaß, hatte sie alles aufgeschrieben. Diese Zettelchen befestigte sie mit einem Klebestreifen an den Fliesen in der Küche. Bevor ich richtig Guten Tag sagen konnte, rannte sie schon zu ihren Notizen. Das war unser normaler Tagesablauf. So wurschtelten wir eine Zeitlang weiter.
Die Stürze begannen sich zu häufen. Fast täglich wurde ich jetzt vom Notruf informiert.
Manchmal musste mein Mann mitkommen, weil ich meine Mutter allein nicht mehr ...
Rezension
Elsa Koch beschreibt die letzten vierJahre mit ihrer Mutter auf anrührende Weise und kommt zu dem Schluß, das es eine Bereicherung für sie, ihre Kinder und Enkel war. Eine spannende Lektüre und Lernreise nicht nur für Menschen, die sich gerade mit diesem Thema befassen.
Gabi Obi/Kulturforum Freiburg
ISBN 978-3-9826643-2-3
Erschienen August 2024
Teste und Abbildungen: Elsa Koch